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  Presseberichte
  Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung, 14.10.1937 (Nr. 281)

Das unbekannte Hans-Sachs-Haus

Mit Führer und Kamera auf Entdeckungsfahrt vom Keller bis zum Dach

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Über die Marktpolizei zum Orgelwerk

Schon manchmal ist an die Verwaltung des Hans-Sachs-Hauses der Wunsch herangetragen worden, das Orgelwerk besichtigen zu können, das, dem Auge verborgen, hinter den Holzjalousien über dem Podium untergebracht ist. Aus Gründen der Funktionssicherheit ist es leider nicht möglich, diese hochinteressanten Räume der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Vergleich mit dem Cerberus, dem Höllenhund, der die Unterwelt der alten Griechen bewacht, ist etwas grob und übertrieben, aber mit Argusaugen bewacht in der Tat Herr Jochems, der Betriebsinspektor des Hans-Sachs-Hauses, diese dreimal geheiligten Räume.

Den Zugang zum Orgelwerk würde niemand finden. Wir müssen unsere Leser bitten, uns im Geiste in das zweite (gelbe) Stockwerk zu folgen. Hier lagen im Flügel an der Vattmannstraße früher einmal die Räume der städtischen Gemäldeausstellung: heute sind Büroräume daraus geworden. Links am Gang betreten wir das Zimmer der städtischen Marktpolizei: dort befindet sich im Hintergrund die Tür zum Orgelraum, die uns Herr Jochems nun öffnet. Es ist etwas eng hier, denn die 5800 Pfeifen des gewaltige Werkes nehmen viel Raum in Anspruch, wenn man bedenkt, dass die kleinste zwar nur sieben Zentimeter groß ist, die längste aber volle sieben Meter.

Nach Manualen und dann wieder nach Registern geordnet stehen hier nun die Pfeifen aller Art in den Windladen. Dicke Bündel von dünnen Bleikabeln führen zu ihnen, die die Verbindung zu dem unten im Saal stehenden Spieltisch herstellen. Hier münden die 650 Adern in ein zehn Meter langes, mit Segeltuch umwickeltes Kabel; alle Konzertbesucher haben diese dicke "Schlange" sicher schon gesehen, wenn der Spieltisch aus seinem Raum aufs Podium gerückt war.

Die beiden Räume rechts und links des Podiums sind durch sogenannte Schwelljalousien verschließbar, während der dazwischen liegende große Raum offen ist. Hier sind die größten Pfeifen in Form viereckiger Holzkästen liegend angeordnet. Seitwärts sind in einem kleinen Raum die Gebläsemotoren untergebracht, die den Wind für das Orgelwerk liefern. Sie wirken für jedes Manual auf einen großen Blasebalg, der mit in Papier verpackten Ziegelsteinen beschwert ist und so als "Puffer" dient, so daß auch bei wechselnder Beanspruchung immer ein gleichmäßig starker Wind vorhanden ist. In dem vom Saal aus gesehenen rechten Seitenraum steht auch die Celesta, das Stahlplattenklavier.

Man muß sich durch die schmalen Gänge, die freigelassen sind, aufmerksam und vorsichtig hindurchschlängeln und versteht nun, warum es nicht möglich, diese Räume von einer größeren Anzahl von Personen besichtigen zu lassen.

Der "Irrgarten" über der Saaldecke

Den meisten unserer Leser wird bekannt sein, daß die Orgel auch ein Fernwerk besitzt. Die Pfeifen seiner elf Register sind oberhalb der eben beschriebenen Räume untergebracht. Der Klang wird durch einen besonderen Kanal über der Saaldecke weg hinten in den Saal geleitet. Da wir nun einmal auf Entdeckungsfahrt sind, klettern wir unter Herrn Jochems Führung auch da hinauf, freilich muß auch der Photograph mit Kamera und Stativ hinaufturnen. Achtzehn Meter ist dieser gewaltige Schallkanal lang, zweieinhalb Meter mißt er im Durchmesser im Quadrat. Durch eiserne Bänder ist er nach allen Richtungen hin gesichert.

Leider können wir unsere Leser keinen Blick in diesen Kanal hinein tun lassen, denn hier herrscht stockfinstere Nacht, und auch mit Blitzlicht war hier nichts zu machen, denn sein Schein wäre nicht weit gedrungen. Dieser Schallkanal ist nämlich ein richtiger Irrgarten, in den abwechselnd von rechts und links Seitenwände hineinragen, wie es die Zeichnung zeigt, so daß sich der Schall vielfach brechen muß. Es gibt in der Tat Dinge im Hans-Sachs-Haus, von denen wir uns nichts hätten träumen lassen.[]

 

   

 

 

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