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  Presseberichte
  Ruhr-Nachrichten, 16.09.1987

Dietrich W. Prost spielt unbekannte Stücke auf der HSH-Orgel

Konzert mit Überraschungen

 

Altstadt. Die städtische Konzertsaison begann mit einem Orgelkonzert im Saal des Hans-Sachs-Hauses, in dem mit Dietrich Wilhelm Prost, einer der profilierten evangelischen Kirchenmusiker der DDR, zu hören war. Der in Stralsund wirkende Kirchenmusikdirektor (Jahrgang 1928) spielte barocke, romantische und zeitgenössische Orgelliteratur.

Prost baute sein Programm nicht nach historischen Schritten auf, sondern nach stilistischen und thematischen Kontrasten. So ließ er dem barocken Spielwerk einer Toccata von Buxtehude ein modernes Stück Programmusik folgen: "Orpheus" von Ruth Zechlin die 1926 geborene Komponistin zählt in der DDR zu den stärksten Begabungen ihrer Generation. Das Stück beschreibt in klagenden und zerreißend scharfen Akkorden die Verzweiflung des Orpheus über den Verlust seiner Geliebten - dabei folgt die Musik ganz dem Ausdruck und zeigt große, dramatische Gesten auf.

Einen stärkeren Gegensatz als das folgende lyrische Andante von Mendelssohn-Bartholdy hätte Prost wohl kaum wählen können - und auch mit dem vierten Stück - der Orgelsinfonie Nr. VIII des Polen Feliks Nowowiejski (1877-1946) -setzte der Organist die Linie der Überraschungen fort. Der hierzulande völlig unbekannte Pole schreibt eine Art Bekennt-nismuusik, die - auf dem Weg von der Spätromatik zum Neoklassizismus verschiedene stilistische Stationen berührt und miteinander vermischt: eine farbig fremde, eigentümliche Begegnung.

Auch nach der Pause blieb Prost seinem Kontrastprinzip treu: Auf eine neobarocke Fuge von Ernst Pepping (1901-81) reagierte er mit Mendelssohn-Bartholdys zweiter Orgelsonate, um an den Schluß Ruth Zechlins Komposition "Traum und Wirklichkeit" zu setzen. Dieses Stück, das Prost gewidmet ist und vor einem Jahr von ihm uraufgeführt wurde, ist trotz seiner geballten Tonsprache unmittelbar verständlich: das magische Kreisen des Traumspiels und die harten Einwürfe der Wirklichkeit halten sich letztendlich im Gleichgewicht und brauchen einander.

   

 

 

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