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  Presseberichte
  Ruhr-Nachrichten, 24.10.1984

Nach zwei Jahren erklang die Orgel im Hans-Sachs-Haus

Rudolf Innigs großes Spiet

 

Altstadt. Nun ist sie wieder mit im Spiel der Städtischen Konzerte - die große Orgel im Hans-Sachs-Haus; zwei Jahre hatte man sie pausieren lassen. In der Zwischenzeit hat sie einen neuen Spieltisch erhalten und ist technisch gewiß leichter spielbar geworden; schwieriger wird es sein, die Stammhörerschaft, nach so langer Pause, wieder auf den alten Stand zu bringen.

Für den neuen Start hatte man Rudolf Innig gewonnen, der zur Zeit als Organist und Musikschulleiter in Coesfeld tätig ist, sich aber über diesen Wirkungskreis hinaus einen überregionalen Ruf als Konzertspieler erworben hat. Innig begann sein Programm mit Johann Sebastian Bachs Fantasie und Fuge c-Moll BWV 562, einem kaum gespielten Stück, da die Fuge nur als Fragment überliefert ist; Innig spielte eine von Matthias Siedel ergänzte Fassung; er interpretierte Bach nicht Note für Note gestochen, sondern durchaus mit subjektivem Einsatz, also weniger die Struktur als den Gestaltprozeß betonend. Da erschien Bach denn tatsächlich als das Vorbild von Felix Mendelssohns folgender Sonate c-Moll op. 65; eine solche Brücke hörbar machen zu wollen, war wohl Innigs Absicht.

Mit einem Te Deum für Orgel gewann der Hamburger Mathias Siedel (Jahrgang 1929) im Jahre 1981 den zur Einweihung der Altenberger Domorgel ausgeschriebenen Kompositionspreis. Das Werk bezieht sein motivisches Material streng aus dem gregorianischen Hymnus und schichtet es - in vier Blöcke gegliedert - zu harmonisch geschärften, freitonalen Mixturen. Bei aller Strenge der Komposition sind die Möglichkeiten der Orgel mit artistischer Dramaturgie genutzt. Siedel war - als Schüler von Bialas - eine der ersten Begabungen, die im Nachkriegsdeutschland vor 1950 auffielen; wie schön, ihm mit einem so glänzend gelungenen, so eigenwilligen Stück wieder zu begegnen.

Mit dem vierteiligen Zyklus L'Ascension (Himmelfahrt) begründete der vierundzwanzigjährige Olivier Messiaen 1932 seinen Ruf, der Schöpfer einer neuen Orgelbewegung in diesem Jahrhundert zu sein. Diese Musik, so kühn ekstatisch sie klingt, reißt auch den Laien, der sie erstmals hört, ganz unmittelbar mit; denn sie hat eine bildliche Imaginationskraft von hohen Graden - das Ohr wird mit einer Übersumme von sinnlichen Eindrücken überrumpelt, Übersinnliches wahrzunehmen. Ein mystischer Vorgang. Rudolf Innig hat das Werk auf Schallplatte eingespielt - es ist sozusagen das Ausweisstück seiner Profession, mit dem er sich in jeder Nuance identifiziert. Ganz ohne Zweifel brachte Messiaen nicht nur das Programm, sondern auch Innigs Spiel und Interpretationskunst auf den Punkt, den Höhepunkt - und hier war auch die Orgel selbst mit ihren Klangbesonderheiten einmal optimal ausgelotet. Ein großer Eindruck, den Innig freilich mit Max Regers geradezu dramatischer Fantasie und Fuge op. 135 noch einmal zu steigern vermochte.

Rudolf Innig erwies sich als ein von seinem Metier besessener Musiker - begabt mit einem besonders ausgeprägten Sinn für rhythmische und farbliche Gewichtungen, mit virtuosen Fähigkeiten und großem Ausdrucksvermögen. Die Erfahrung mit diesem Konzert: da kommt unvermutet ein Höchstangebot ins Haus, aber die Nachfrage ist viel zu gering. Man sollte Rudolf Innig umgehend wieder engagieren — mit Werken von der Spätromantik aufwärts - und ihn groß ankündigen.

Heinz-Albert Heindrichs

   

 

 

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